Fotografische Schaukastenbilder in deutschen Kinos

 

Kino-Aushangfotos sind wie Filmplakate Werbemittel zur Aussenreklame und Foyerdekoration der Kinos. Die statischen Bilder filtern aus dem dynamischen Medium Film aussagekräftige Portraits oder Schlüsselszenen, um die Filmhandlung zu illustrieren. Kino-Aushangfotos waren Bilder der traditionellen Fotografie, und sind inzwischen auch Liebhaberstücke für Filmsammler.

 

Ein sehr frühes Beispiel von Aushangfotos waren 1908 die Bilder der französischen Serie: „Nick Carter“, die auch in Deutschland lief. Die Fotos hatten damals noch unterschiedliche, meistens kleinere Formate. Der Standard für das Fotoformat 24 x 30 cm wurde in Deutschland erst Mitte der 20er Jahre zur Regel. Die Pathé-Frères Motive und andere Bilder aus der frühen Kinogeschichte waren aber keine Fotos, sondern Heliogravüren. Dieses Edeldruckverfahren zeigte sich bei grösseren Auflagen preisgünstiger als ein Silber-Gelatine Foto. Die letzten fotografischen Schaukastenbilder entstanden Anfang der 70er Jahre. Der Vierfarben-Offsetdruck war inzwischen schneller und billiger als die Herstellung von Echtfotos.

Ähnlich wie in der Frühzeit gab es einen fliessenden Übergang zwischen Fotodruck und Fotografie. Deshalb ist schwer zu bestimmen, was das erste oder das letzte fotografische Kino-Aushangfoto war. In den 30er Jahren fertigte man für Premieren-Kinos auch handkolorierte Transparente, die man in entsprechenden Schaukästen rückseitig beleuchten konnte. Die Filme selbst waren schwarzweiss, mit den farbigen Aushangfotos wollte man in den Schaukästen nur grössere Aufmerksamkeit erzielen. Die Negativ-Herstellung der Fotos war die Gleiche, allerdings war dann der positive Bildträger kein Papierfoto, sondern eine fotografische Folie.

 

Jedes deutsche Aushangfoto ist eine Reproduktion eines vom Produzenten gestellten Pressefotos. Von dieser Vorlage vergrösserte man ein Schwarzweiss-Negativ im Format des späteren Aushangfotos. Bis in die 50er Jahre wurde das Negativ-Material mit lichtempfindlichen Glasplatten beschichtet. Wenn man keine weiteren Abzüge brauchte, konnten die Glasplatten abgewaschen und für ein neues Motiv frisch beschichtet werden. Die Lagerung und der Umgang mit den Glasplatten war schwierig, deshalb wurde zur Negativ-Herstellung bald Planfilm verwendet. Jetzt existierte zu jedem Motiv ein haltbarer Negativfilm. 

 

Bei manchen Aushangfotos druckte man in den 60-er Jahren die Titel-Logos in mehrfarbigem Siebdruck. Sonst wurden die Texte im Blei- oder Filmsatz oder als Grafik erstellt und dann im Fotolitho-Verfahren zum Bild montiert.

 

Wollte man im Schaukasten farbige Bilder ausstellen, mussten die schwarzweissen Fotos vorher mit Eiweiss-Lasurfarben manuell koloriert werden. Die Farbgebung erledigten meist Heimarbeiter/innen, die oft keine Farbmuster bekamen. Deshalb gibt es die unterschiedlichsten Kolorierungen zum gleichen Film.

 

Ebenso interessant wie die Herstellung der Bilder ist die Bewertung eines Motivs nach Zustand, Seltenheit, Kultstatus eines Films oder Schauspielers, sowie die Herkunft des Fotos. Ein „Original“ wäre demnach ein Bild, das während der Laufzeit des Films die Schaukästen zierte. Die Anzahl der verwendeten Satzmotive variierte in den 50er Jahren zwischen 25 und 40 Motiven, bei manchen Monumental-Filmen konnten über 50 unterschiedliche Fotos ausgestellt werden. Für besondere Anlässe stellten manche Filmverleiher auch grössere Fotos her. Zusätzlich existieren in Sammlerhänden Fotos aus Archiven, Bildagenturen und Redaktionen. Diese Fotos wurden oft aus Versandgründen beschnitten und rückseitig beschriftet und bestempelt. Seltene Exemplare sind auch Fotos, die zwar hergestellt, von der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ aber nicht zum Aushang freigegeben wurden. 

 

Die angefügte Bildergalerie zeigt einen kleinen filmhistorischen Überblick, welche Bildersprache für Kinofotos jeweils werbewirksam und zeittypisch war. Die Bilder der Galerie werden weiter ergänzt. Alle Motive sind älter als fünfzig Jahre. Die Fotos sind eventuell urheberrechtlich geschützt. Wir bitten um Kenntnis, sollte sich jemand in seinem Urheberrecht verletzt fühlen. Bei berechtigter Forderung werden wir das entsprechende Motiv aus der Galerie entfernen.

 

Seit der Digitalisierung stirbt die analoge Fotografie unaufhaltsam. Schaukastenbilder werden die Kinos bald selbst farbig ausdrucken können. Der Wunsch nach aussergewöhnichen Sammlerstücken wird jedoch bleiben.

 

Zur Ergänzung vier Beispiele seltener Bildformate:

 

Beispiel eines frühen William Fox Aushangfotos, Format ca. 18 x 20 cm "La Bague Tragique" Frankreich 1921. Deutscher Titel: "Der Magische Ring" US-Titel: "A Sister to Salome" (1920).
Beispiel eines frühen William Fox Aushangfotos, Format ca. 18 x 20 cm "La Bague Tragique" Frankreich 1921. Deutscher Titel: "Der Magische Ring" US-Titel: "A Sister to Salome" (1920).
Beispiel eines handkolorierten Transparentes, Format ca. 24 x 30 cm "Das unsterbliche Lied" Deutschland 1934
Beispiel eines handkolorierten Transparentes, Format ca. 24 x 30 cm "Das unsterbliche Lied" Deutschland 1934
Beispiel eines handkolorierten Grossfotos. Format ca. 41 x 51 cm "Alle Herrlichkeit auf Erden" USA 1955
Beispiel eines handkolorierten Grossfotos. Format ca. 41 x 51 cm "Alle Herrlichkeit auf Erden" USA 1955
Beispiel eines schwarzweissen Grossfotos. Format ca. 30 x 40 cm "Die blonde Venus" USA 1957
Beispiel eines schwarzweissen Grossfotos. Format ca. 30 x 40 cm "Die blonde Venus" USA 1957

Vorwort von Dr.Volker Pantel zum Buch: „Filmstars im Schaukasten - Schaukasten der Filmstars“

 

Neben den Filmplakaten, die zur sogenannten Außen-Reklame der Kinos genutzt wurden und an Litfaßsäulen, Bauzäunen und separaten Schaukästen - z.B. in Bahnhöfen oder Bushaltestellen - auffielen, wurden vor allem in den Kinos farbige oder schwarzweiße Fotos im Format 24 x 30 cm zur Werbung genutzt.

 

Sie erschienen oft kunstvoll arrangiert, mit Kordeln umrandet, neben Plakaten und anderen Dekorationsmaterialien an den Wänden der Kino-Foyers oder verschiedener an den Filmverleih vertraglich gebundener Geschäfte, z.B. Literaturverfilmungen in den Schaufenstern von Buchhandlungen, die den dazu gehörigen Roman anboten, oder waren schlicht aneinander gereiht mit Nadeln in den Schaukästen der Vorstadtkinos befestigt. In den sogenannten „Werberatschlägen“, Reklamebroschüren für den Kinobesitzer zur Förderung seines Umsatzes, gab es immer wieder Beispiele und Hinweise, wie man das gesamte Fotomaterial attraktiver einsetzen könnte.

 

Die Motive wurden nach Vorlagen von Pressefotos, die meistens die Produktionsfirma zur Verfügung stellte, vom jeweiligen Film-Verleih ausgewählt. Die Anzahl der Fotos für einen kompletten Fotosatz bestimmte in der Regel sein Presse-Chef. Bis Ende der 60er Jahre wurden für fast alle Titel Porträts der Hauptdarsteller zu den Szenenfotos mit einbezogen. Nachdem die Fotos ausgewählt waren, mussten diese zur Freigabe der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) vorgelegt werden. Die Fotos erhielten in der Regel den Freigabebescheid und gingen dann an den Verleih zurück.

 

Nicht freigegebene Motive wurden aus dem Satz entfernt und oft nicht durch neue ersetzt, sodass bei vielen Filmtiteln im Satz die Fotonummern der entfernten Motive fehlen. Beispielsweise im Satz "James Bond jagt. Dr. No" die Nummern 15 und 17. Diese Fotos sind, da sie nur ein- bis zweimal existieren, äußerst selten. Die meisten auf die Ähnliches zutrifft gibt es gar nicht mehr.

 

Speziell in den 60er Jahren legte man bei den Verleihen großen Wert auf Porträts der Hauptdarstellerinnen. Die Fotos, der meist attraktiven Damen, sollten das Publikum anlocken. Da es von den 50er bis Mitte der 60er Jahre viele sogenannte Star-Clubs gab, Kinobesitzer, die Foyers mit den Starfotos dekorierten, Filmvorführer und Platzanweiserinnen von ihren Lieblingsstars Fotos sammelten, waren die wenigen Porträtfotos aus den Sätzen schnell vergriffen.

 

Man geht davon aus, dass für einen publikumswirksamen Film für alle fünf Verleihbezirke in der BRD etwa 100 Sätze angefertigt wurden. Da die Filme nach den Uraufführungs-Lichtspielhäusern in die kleineren Orte kamen, die Filme teilweise 20 Jahre abgespielt wurden, in Jugend-, Nacht- und Sondervorstellungen, legte der Verleih großen Wert auf die Rückgabe der leihweise zur Verfügung gestellten Fotos. Nicht zurückgegebene Fotos wurden berechnet. Trotzdem sind immer wieder Fotos abhanden gekommen, die sich heut meist in Sammlerhänden befinden.